Investment Punk

Investment Punk von Gerald Hörhan hat sich vergangenes Jahr eine kleine Fangemeinde erobert.

An mir war das Buch völlig vorübergegangen, jedoch begeistern sich einige meiner Arbeitskollegen dafür. Und so beschloß ich, es auch einmal zu lesen.

Der Slogan „Warum ihr schuftet und wir reich werden.“ richtet sich laut Autor an die berühmte Mittelschicht.

Mittelschicht ist irgendwie jeder, unabhängig von Einkommen und sozialen Status. Denn niemand würde sich ja als Neureicher offenbaren wollen, ebensowenig als armer Schlucker. In den Vereinigten Staaten treibt das mittlerweile die komischsten Blüten, da kann man sich als „upper lower middle class“ bezeichnen, ohne grinsen zu müssen.

Meine Erwartungen waren relativ klar: Ein Finanzguru, der ein paar fragwürdige Anlagestrategien an den Mann bringt, und dazu ein ganzer Haufen Sozialleistungsbezieherbeschimpfungen. Denn so wie die Mittelschicht versucht, sich nach unten hin abzugrenzen (das Prekariat!), so will sie diese Schichten zementiert sehen.

Eines direkt vorweg: Meine Erwartungen lagen völlig daneben. Und das ist tatsächlich ein Problem.

Ein „Nehmt-die-arbeitslosen-Faulenzer-mal-ordentlich-ran-Pamphlet“ hätte zumindest die Grundlage für eine flammende Erwiderung geboten. Investment Punk ist aber kein solches Buch.

Denn die Unterschicht kommt gar nicht vor. Die Oberschicht nur in der Beschreibung dekadenter Partys. Aber die Mittelschicht? Die kommt auch nicht vor. Mit sozialen Strukturen hält sich der Autor gar nicht erst auf. An sich ist das ja sehr angenehm.

Man fragt sich nur, weshalb es dann allenthalben tönt, dieses Buch würde die Lage der Mittelschicht schonungslos aufzeigen. Abgesehen davon, daß die Ärmeren unserer Gesellschaft wohl nicht an Hausbau denken, gelten die Grundsätze des Autors ebenso für diese: Gib nicht mehr aus als du hast.

Aber da sich jeder selbst zur Mittelschicht zählt, sind die Werbeslogans natürlich im besten kommerziellen Interesse: Die Oberschicht ist zu klein, die Unterschicht liest im Zweifel eh keine Bücher (und wenn, dann keine über Finanzen), also definieren wir die Zielgruppe des Buches nicht über den Inhalt, sondern über die wahrscheinlichen Käufer.

Was das ganze mit Punk zu tun haben soll, erschließt sich mir jedoch überhaupt nicht. Der Autor scheint damit zwei Dinge zu meinen: daß er ein Rebell gegen „das System“ ist. Und daß er zuweilen seinen Aston Martin stehen läßt, sich entsprechende Klamotten anzieht, und dann im Taxi zu einem Musik-Festival oder in einen Club fährt. Wo er sich dann den Luxusschlitten vom Assistenten vorfahren läßt, um stilvoll die Party verlassen zu können.

Ich stelle einfach mal kommentarlos ein Zitat von „math punk“ Tom Henderson daneben:

You see, before punk was co-opted into a prescribed set of parent-frightening hair styles and a supply chain for your local Hot Topic outlet, it was a genuine cultural movement.

Das Problem an diesem Buch ist aber nicht die Werbung. Oder der anbiedernd-arrogante Stil, der auch nur eine legitime Masche der Lesergewinnung ist. Und erst recht nicht, daß der Autor windige Finanzkonstruktionen an seine Jünger verschachern würde. Das tut er nicht. Wie er überhaupt wenige konkrete Ratschläge gibt.

Das Problem besteht einfach darin, daß in dem Buch zwar eigentlich nichts falsches steht. Unglücklicherweise aber auch nichts originelles oder neues.

Und die richtigen Gedanken, die er kurz anschneidet, werden nicht ausgeführt, so daß der Leser, der mit ihnen schon vertraut ist, mentale Strichlisten abhaken kann („ah ja, value investing, und hier könnte die Argumentation in Richtung ETFs gehen“), derjenige, er sich damit aber noch nicht auskennt, wird nicht auf die Spur gebracht, daß er sich entsprechend informieren könnte (zumal die Schlagworte, nach denen man suchen müßte, gar nicht vorkommen). Also kann der eine Leser das Buch relativ zügig durchlesen und stellt fest, daß viele wichtige Ratschläge vorkamen (was ihm außer einer Bestätigung wenig einbringt), der andere Leser muß ber erst einmal erkennen, welches die wichtigen Aspekte sind. Und wird dann alleingelassen.

Eine grobe Inhaltsangabe ist relativ simpel: Angeberische Geschichten, was für ein toller Hecht der Autor doch ist. Diese sind auch tatsächlich lustig zu lesen. Auch wenn die Geschichte, wie er als Jugendlicher weggeworfene Ski aus dem Schrott aussortiert und weiterverkauft hat, sehr an die vielen immergleichen Geschichten erinnert, mit denen alle möglichen Self-Made-Männer ihre bereits frühe Neigung zum Unternehmertum darstellen. Da gabs mal so eine Geschichte, wie jemand mit einer Taucherausrüstung den See hinter einem Golfplatz „aufgeräumt“ und gebrauchte Golfbälle verkauft hat. Alles schon dreimal in der ein oder anderen Variante gelesen.

Dazwischen drei Themenblöcke: „Selbstbewohnte Immobilien sind eine schlechte Idee“. Auch wenn das nicht in der Allgemeinheit gilt, gerade im Schwabenland kann man die Saat zu diesem Gedanken nicht oft genug streuen. „Eigenverantwortliches Unternehmertum ist abhängigen Arbeitsverhältnissen, vulgo ‚Arbeitsplatz‘, stets vorzuziehen“. Eine steile These, aber diese Sichtweise ist jetzt auch nicht so ungewöhnlich, daß man sie pauschal als „falsch“ bezeichnen könnte. Und „die finanziellen Probleme der Leute rühren daher, daß die Leute mehr ausgeben, als sie einnehmen“.

Wie gesagt, alles nicht unbedingt falsch, aber mal ehrlich: wer hat das noch nie gehört?

Das einzige, wovor man den Leser wohl warnen sollte, sind die Immobiliengeschichten, die er mehrfach ans Herz legt: Viele Wohnungen auf Kredit kaufen, den Kredit von den Mietern abzahlen lassen, und nach geraumer Zeit zwei Dutzend schuldenfreie Wohnungen sein eigen nennen. Wie der Autor die realen Gefahren des Leerstandes, des Mietnomadentums oder der Unterhaltskosten wegwischt, ist beeindruckend. Es wäre geradezu gefährlich, wenn zu befürchten stünde, daß sich jemand auf dieses Buch gestützt Wohnungen kauft. Aber da das Buch eher eine Haltung vermitteln soll denn tatsächlich praktisch umsetzbare Ratschläge geben, ist diese Gefahr wohl eher gering.

Rückblickend bleibt als Fazit: Ein belangloses Buch, das ob seiner Kürze aber wenig Lebenszeit in Anspruch genommen hat und dessen Geschichten und Anekdoten doch zumindest ein wenig amüsieren konnten.

Wer ernsthaft an guten Ratschlägen zum Thema „persönliche Finanzen und Investments“ interessiert ist, sollte sich anderswo umschauen.

Vor einigen Jahren gab es ein recht erfolgreiches Buch von Martin Weber, einem Professor aus Mannheim. Es heißt „Genial einfach investieren“, krankt an einigen Stellen, ist sachlich aber korrekt und liefert einen guten Überblick.

Das wirklich relevante Buch stammt aber von David Swensen und heißt „Erfolgreich Investieren: Strategien für Privatanleger“, beziehungsweise im englischen Original „Unconventional Success: A Fundamental Approach to Personal Investment“.

Wer sich für „value investing“ interessiert (das ist das, was Hörhan im Zusammenhang mit Buchwerten anschneidet), kommt um „The Intelligent Investor“ von Benjamin Graham nicht herum. Das ist die Bibel zum Thema. Persönlich halte ich von „value investing“ für Privatanleger jedoch herzlich wenig.

Und zuguterletzt: Wer in die Börse investieren möchte, sollte unbedingt vorher „Common Sense on Mutual Funds“ von John Bogle gelesen haben (zu Deutsch: „Keine Investment-Zauberformel. Börsengewinne mit gesundem Menschenverstand“. Da wird dann die Indexfonds-Schiene aufgemacht, die man hierzulande über ETFs sinnvoll umsetzen kann.