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The Forever War

The Forever War von Joe Haldeman war ein Spontankauf für meinen Kindle. Einen Tag später kann ich sagen, es hat sich gelohnt. Aber der Reihe nach.

William Mandella ist ein intelligenter junger Mann, der aus seinem Physikstudium heraus in die Streitkräfte eingezogen wird. Anders als in früheren Kriegen werden diesmal nur Menschen mit einem IQ größer 150 eingezogen. Es geht direkt auf einen Trainingsplaneten, wo er und seine Leidensgenossen sich in das Militärleben eingewöhnen müssen und eine Grundausbildung durchlaufen. Erstere ist von eiserner Disziplin samt summarischer Hinrichtungen während des eigentlichen Trainings geprägt, während in der Freizeit eher lockere Moral vorherrscht. Es gibt sogar von oben verordneten Partnertausch in den Betten. Die Grundausbildung fordert bereits einige Leben, ist so ein mechanischer Kampfanzug doch eine auch für den Träger gefährliche Waffe. Und die Umgebung ist ebenfalls wenig einladend.

Schon geht es auf in den Krieg. Die Tauraner haben ein menschliches Kolonisationsschiff vernichtet. Das ist aber auch so ziemlich das einzige, was über den Feind bekannt ist. So werden William und seine Kameraden später auf einem anderen Planeten einige Lebewesen niedermetzeln und sich dann erst einmal fragen, ob das nun die Tauraner waren oder doch einfach nur eine einheimische Tierart.

So leicht kommt man aber gar nicht zum Feind, wenn man einen interstellaren Krieg führt. Dazu bedarf es noch eines passenden Plot-Device. Und so wie andere Erzählungen des Genres Wurmlöcher oder Sternentore haben, hat „The Forever War“ seine „Collapsars“. Das Prinzip ist altbekannt: „speedy thing goes in, speedy thing comes out“. Nur eben ganz woanders. Auf dem langen Flug zu diesen weit verstreuten Collapsars werden die Raumschiffe massiv beschleunigt, fast bis zur Lichtgeschwindigkeit, was zu interessanten relativistischen Effekten führt. Denn die subjektiv erlebte Zeit im beschleunigten Raumschiff fällt mit der auf der Erde „objektiv“ erlebten Zeit auseinander. So erleben die Soldaten einen mehrwöchigen Flug, auf der Erde sind aber schon viele Jahre vergangen.

Was sich nach offensichtlicher Plot-Mechanik der Holzhammermethode anhört, wird aber durchaus virtuos in seinen verschiedenen Aspekten ausgeleuchtet. So haben William und seine Kameraden eben noch eine Tauraner-Basis unter Ausnutzung ihrer völligen Überlegenheit niedergemetzelt, da müssen sie kurz darauf vor einem übermächtigen feindlichen Schiff fliehen. Klar, sie sind deutlich früher von der Erde gestartet als die (offenbar technologisch stets etwa gleichwertigen) Tauraner von ihrem Planeten, haben also die weitaus ältere Technologie an Bord. Das andere Schiff stammt aber wiederum „aus einer späteren Zeit“, hat also weniger Zeit im Transit verbracht.

Oder William und die Liebe seines Lebens werden durch die kalte und unbarmherzige Militärbürokratie getrennt und in verschiedene Einheiten versetzt. Kein Problem, abgesehen von der sehr überschaubaren Überlebenschance in diesem Krieg? Von wegen. Beide werden sicherlich unterschiedlich lange zu ihren Einsätzen fliegen. Wenn der eine also in der Blüte seines Lebens aus der Schlacht zurückkehrt, mag der andere ein Greis sein. Oder schon seit Jahrhunderten tot.

Am Ende des Krieges, der natürlich nur ein Mißverständnis war, wird William der einzige Veteran sein, der den gesamten Krieg von der ersten bis zur letzten Schlacht mitgekämpft hat. Er wird nicht befördert, weil er besonders enthusiastisch oder besonders gut kämpft. Sondern weil ein Veteran der ersten Stunden einfach kein einfacher Soldat bleiben kann. Er ist ein Symbol.

Während des jahrhundertelangen Krieges vollbringt er nur wenige Heldentaten, wenn überhaupt. Wer überlebt, hat Glück gehabt. Reines Glück. Es gibt in dieser Erzählung keinen Helden, der sich aufopfert, um doch noch das Blatt zu wenden.

William reflektiert immer wieder das Erlebte. Einst haßte er den Kommandeur, der sich feige in die Sicherheit des Raumschiffes zurückzog, während das Fußvolk kämpfen mußte, dann ist er selbst in dieser Position. Ein andermal beobachtet er an sich, wie die psychologische Konditionierung auf Kommando des Vorgesetzten einsetzt, und Haß in ihm aufsteigt. Oder wie die Militärbürokratie ihn nach Strich und Faden verarscht.

Besonders gut gefallen hat mir, daß das Buch immer dann, wenn die Gefahr aufkam, es könnte langweilig werden nach dem Motto: noch eine Schlacht und noch eine, bis am Ende alles verloren scheint (und die Hauptfigur in letzter Sekunde alles rettet), der Autor eine radikale Wende vornimmt.

William kehrt schon recht bald nach seinem ersten Feldzug auf die Erde zurück. Und da wird es besonders faszinierend. In den Jahrzehnten seit seiner Abreise hat sich die menschliche Gesellschaft stark verändert. Größtenteils zum Schlechteren. Er will eigentlich nie wieder in den Krieg, aber schafft es nicht, Fuß zu fassen. William ist ein krasser Außenseiter. Und geht dann doch wieder zurück zum Militär. Aber auch dort hat sich das Leben genauso verändert. Plötzlich ist er der einzige Heterosexuelle in seiner Kompanie. Die englische Sprache hat sich verändert, die Jüngeren verstehen ihn nur noch, weil sie auf der Schule das „alte Englisch“ als eine Art Fremdsprache lernen. Das geschieht aber alles relativ behutsam und bleibt zunächst als mögliche (nicht allzuferne) Zukunft glaubwürdig. Bis ganz zum Schluß, wo die menschliche Gesellschaft dann plötzlich Riesenschritte in eine mäßig glaubhafte Zukunft unternimmt.

Es ist schwer zu sagen, ob das Buch nun gut endet oder nicht. Auf der persönlichen Ebene mag sich für William alles zum Guten wenden, aber die Menschheit als solche ist völlig verändert. So sehr, daß man sich gar nicht vorstellen kann, wie es wäre, dort zu leben.

Alles in allem ein guter Kauf.

the-forever-war.txt · Last modified: 2018-06-22 22:41 by Thomas Hühn